PageRank: der Algorithmus hinter der Linkbewertung

PageRank ist der Algorithmus, mit dem Google 1998 startete: ein Verfahren, das jeder Seite im Web eine Zahl zuweist, die ihre Wichtigkeit ausdrückt – berechnet allein aus der Linkstruktur. Dieser Leitfaden erklärt die Mechanik: die Originalformel, das Modell dahinter, wie iterativ gerechnet wird und was von alldem 2026 noch gilt.

Abgrenzung: Hier geht es um den Algorithmus und seine Geschichte. Wie du Linkkraft in der Praxis steuerst – interne Verteilung, Verluste durch Weiterleitungen, Sculpting – steht unter Linkjuice und Link Equity.

1. Die Grundidee

PageRank überträgt ein Prinzip aus der Wissenschaft auf das Web: Eine Arbeit, die häufig zitiert wird, ist vermutlich wichtig – und Zitate aus wichtigen Arbeiten wiegen schwerer als Zitate aus unbedeutenden. Larry Page und Sergey Brin übertrugen das auf Hyperlinks.

Der Kern ist eine rekursive Definition: Die Wichtigkeit einer Seite hängt von der Wichtigkeit der Seiten ab, die auf sie verlinken. Das klingt zirkulär, ist aber lösbar – wie, zeigt Abschnitt 5.

Zwei Dinge machten den Ansatz revolutionär: Er war abfrageunabhängig, der Wert einer Seite ließ sich also einmal vorab berechnen, und er war schwer zu manipulieren, weil man dafür fremde Seiten dazu bringen muss zu verlinken.

2. Die Originalformel

In der ursprünglichen Veröffentlichung lautet die Formel:

PR(A) = (1 - d) + d × ( PR(T1)/C(T1) + ... + PR(Tn)/C(Tn) )
Symbol Bedeutung
PR(A) Der PageRank der Seite A – das Ergebnis
T1 … Tn Alle Seiten, die auf A verlinken
C(T) Die Zahl der ausgehenden Links von Seite T
d Der Dämpfungsfaktor, üblicherweise 0,85

Die entscheidende Stelle ist PR(T)/C(T): Eine verlinkende Seite gibt nicht ihren vollen Wert weiter, sondern teilt ihn durch die Zahl ihrer ausgehenden Links. Ein Link von einer Seite mit 5 Links ist damit weit mehr wert als einer von einer Seite mit 200 Links – bei gleicher Stärke der Quelle.

3. Das Random-Surfer-Modell

Hinter der Formel steht ein anschauliches Modell. Stell dir jemanden vor, der zufällig im Web unterwegs ist: Er startet auf einer beliebigen Seite und klickt immer wieder einen zufälligen Link an. Der PageRank einer Seite ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Surfer sich gerade dort befindet.

Zwei Eigenschaften folgen daraus unmittelbar:

  • Viele Wege führen zu hohem Wert. Je mehr Pfade auf eine Seite zulaufen, desto häufiger landet der Surfer dort.
  • PageRank ist eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Die Werte aller Seiten summieren sich zu einem festen Gesamtwert. PageRank wird also verteilt, nicht erzeugt – niemand kann durch internes Umbauen mehr davon in die Welt bringen.

4. Der Dämpfungsfaktor

Der Faktor d = 0,85 modelliert, dass der Surfer irgendwann aufhört zu klicken und eine neue Adresse eintippt. Mit 85 % Wahrscheinlichkeit folgt er einem Link, mit 15 % springt er woanders hin.

Das ist nicht nur Realismus, sondern mathematisch nötig. Ohne Dämpfung hätte der Algorithmus zwei Probleme:

Problem Was passiert Lösung durch d
Sackgassen Seiten ohne ausgehende Links verschlucken den Wert Der Surfer springt weiter
Linkfallen Eine Gruppe verlinkt nur sich selbst und sammelt alles ein Der Sprung bricht den Kreis auf

Der Term (1 - d) ist der Sockelbetrag: Jede Seite bekommt eine Grundwahrscheinlichkeit, auch ohne jeden eingehenden Link. Genau deshalb kann keine Seite auf null fallen.

5. Wie iterativ gerechnet wird

Die rekursive Definition löst man nicht algebraisch, sondern durch Wiederholung. Alle Seiten starten mit demselben Wert; dann wird die Formel immer wieder angewandt, bis sich die Zahlen kaum noch ändern – das nennt man Konvergenz.

Ein Beispiel mit drei Seiten: A verlinkt auf B und C, B verlinkt auf C, C verlinkt auf A.

Durchgang PR(A) PR(B) PR(C)
Start 1,000 1,000 1,000
1 1,000 0,575 1,275
2 1,234 0,675 1,291
konvergiert 1,163 0,644 1,193

Zwei Beobachtungen: C gewinnt, weil zwei Seiten darauf verlinken. Und B verliert gegenüber dem Start, weil A seinen Wert auf zwei Ziele aufteilen muss. Ein Web-großer Graph braucht einige Dutzend Durchgänge bis zur Konvergenz.

6. Toolbar-PageRank: Aufstieg und Ende

Von 2000 bis 2016 zeigte die Google Toolbar einen PageRank-Wert von 0 bis 10 an. Diese Zahl prägte eine ganze SEO-Generation – und war schon zu Lebzeiten irreführend:

  • Sie war logarithmisch. Der Sprung von 5 auf 6 verlangte ein Vielfaches dessen, was von 4 auf 5 nötig war. Ein PR 7 war nicht „etwas besser" als ein PR 6, sondern um eine Größenordnung stärker.
  • Sie war veraltet. Aktualisiert wurde nur wenige Male im Jahr; der angezeigte Wert hinkte dem internen oft um Monate hinterher.
  • Sie war grob. Elf Stufen für Milliarden Seiten – die interne Zahl ist eine Fließkommazahl mit weit feinerer Auflösung.

Der sichtbare Wert wurde zum Handelsgut: Links wurden nach Toolbar-PR verkauft. Google stellte die Aktualisierung 2013 ein und entfernte die Anzeige 2016 endgültig. Der Algorithmus selbst wurde nicht abgeschafft – nur seine öffentliche Anzeige.

Wichtig für heute: Wenn ein Werkzeug dir eine „Domain Authority" oder ein „Domain Rating" zeigt, ist das nicht PageRank. Es sind Nachbauten auf Basis eigener Crawls – siehe Domain Authority. Google veröffentlicht seit 2016 keinen PageRank-Wert mehr.

7. Vom Random zum Reasonable Surfer

Das ursprüngliche Modell nimmt an, dass jeder Link auf einer Seite gleich wahrscheinlich geklickt wird. Das ist offensichtlich falsch: Ein Link mitten im Fließtext wird häufiger angeklickt als einer im Footer.

Google hat das in einem Patent als Reasonable Surfer beschrieben: Links werden nach erwarteter Klickwahrscheinlichkeit gewichtet. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können:

Faktor Wirkung auf das Gewicht
Position auf der Seite Haupttext höher als Footer oder Sidebar
Schriftgröße und Auffälligkeit Sichtbarere Links wiegen mehr
Ankertext Beschreibende Anker deuten auf echte Relevanz
Thematische Nähe Passt das Ziel zum Kontext der Quellseite?

Damit ist die simple Division durch die Linkzahl aus Abschnitt 2 nur noch eine Näherung. Die Richtung stimmt weiterhin – mehr ausgehende Links bedeuten weniger pro Link – aber die Verteilung ist nicht mehr gleichmäßig.

8. Was heute davon gilt

Aussage Status 2026
Google nutzt PageRank intern Bestätigt – als eines von vielen Signalen
Der Wert ist öffentlich einsehbar Falsch, seit 2016 nicht mehr
Links teilen Wert nach Anzahl auf Näherungsweise; gewichtet nach erwarteter Klickwahrscheinlichkeit
Die Originalformel läuft unverändert Falsch – vielfach überarbeitet, Details unveröffentlicht
PageRank allein bestimmt Rankings Falsch – Relevanz, Qualität und Intention wiegen schwerer

Die praktische Konsequenz ist unspektakulär: Links von starken, thematisch passenden Seiten helfen, und jeder zusätzliche ausgehende Link auf einer Seite verringert den Anteil der übrigen. Alles Weitere ist Spekulation über eine Formel, deren aktuelle Fassung niemand außerhalb von Google kennt.

9. Häufige Missverständnisse

  1. „PageRank ist tot." Abgeschafft wurde die öffentliche Anzeige, nicht der Algorithmus. Google hat mehrfach bestätigt, ihn intern weiter zu verwenden.
  2. „Domain Authority ist der neue PageRank." Drittanbieter-Metriken sind Nachbauten auf Basis eigener Crawls und fließen in keine Google-Bewertung ein.
  3. „Es gibt einen PageRank pro Domain." PageRank ist pro URL definiert. Die Startseite hat typischerweise den höchsten Wert einer Website.
  4. „Mit nofollow lenke ich den Wert um." Der Anteil eines nofollow-Links wird nicht auf die übrigen verteilt, sondern verfällt – siehe Link-Attribute.
  5. „Mehr Seiten bedeuten mehr PageRank." Neue Seiten bringen nur den Sockelbetrag. Wert entsteht durch eingehende externe Links, nicht durch Masse.

Profi-Tipp: Den PageRank einer Seite kannst du nicht messen – die Zahl der ausgehenden Links aber sehr wohl, und die ist der Teiler in der Formel. Rank-O-Saur listet dir alle Links einer Seite getrennt nach intern und extern samt rel-Attribut auf. Seiten mit auffällig vielen ausgehenden Links sind genau die, deren einzelne Links am wenigsten Gewicht tragen.

10. Häufig gestellte Fragen

Nutzt Google PageRank überhaupt noch?

Ja. Abgeschafft wurde 2016 nur die öffentliche Anzeige in der Toolbar. Google-Mitarbeiter haben mehrfach bestätigt, dass PageRank weiterhin intern verwendet wird – allerdings als eines von sehr vielen Signalen und in einer vielfach überarbeiteten Fassung.

Was bedeutet der Dämpfungsfaktor 0,85?

Er modelliert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Surfer einem weiteren Link folgt statt abzubrechen. Mathematisch verhindert er, dass Seiten ohne ausgehende Links oder in sich geschlossene Linkgruppen den gesamten Wert einsammeln.

Ist Domain Authority dasselbe wie PageRank?

Nein. Domain Authority, Domain Rating und ähnliche Werte stammen von Drittanbietern und beruhen auf deren eigenen Crawls. Sie sind Näherungen für Vergleichszwecke und haben keinerlei Einfluss auf Googles Bewertung.

Hat jede URL einen eigenen PageRank?

Ja, PageRank ist pro URL definiert, nicht pro Domain. Innerhalb einer Website hat die Startseite meist den höchsten Wert, weil die meisten externen Links dort landen; von dort verteilt er sich über die interne Verlinkung.

Warum sehe ich meinen PageRank nirgends?

Weil Google ihn seit 2016 nicht mehr veröffentlicht. Werkzeuge, die eine solche Zahl anzeigen, berechnen eine eigene Metrik. Eine offizielle Möglichkeit, den tatsächlichen internen Wert abzufragen, gibt es nicht.

Was ist der Unterschied zwischen PageRank und Link Equity?

PageRank ist der konkrete Algorithmus samt Formel. „Link Equity" oder „Linkjuice" ist der praktische Sammelbegriff für alles, was ein Link an Wert überträgt – einschließlich Relevanz und Vertrauen. Die Umsetzung im Alltag steht unter Link Equity.

Bringt es mehr PageRank, viele Unterseiten anzulegen?

Nein. Jede neue Seite erhält nur den Sockelbetrag aus dem Term (1 - d). Zusätzlicher Wert entsteht ausschließlich durch eingehende Links von außen; intern wird der vorhandene Wert lediglich anders verteilt.

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Christoph Hein, Head of SEO und Search Consultant
Über den Autor

Christoph Hein

Head of SEO bei der Popken Fashion Group & unabhängiger Search Consultant

Christoph ist seit über 10 Jahren im Bereich Search tätig und steuert derzeit die Organic-Strategie für 5 Modemarken in 13 Ländern und mehr als 30 Domains. Neben seiner Inhouse- und Beratungsarbeit hat er Nischen-Content-Portale wie Angelmagazin.de und BaristaCompass.com gegründet und die Rank-O-Saur-Erweiterung entwickelt, um technische SEO-Audits mühelos zu machen. Jeder Leitfaden hier basiert auf praxisnaher, datengetriebener Arbeit statt auf Theorie.