Linkjuice & Link Equity: Wie Linkkraft vererbt wird

Linkjuice – im englischen Sprachraum meist Link Equity – ist die Gesamtheit der Ranking-Signale, die über einen Link von einer Seite auf eine andere übergeht. Der Begriff ist ein Modell, kein Wert, den Google veröffentlicht. Aber es ist ein Modell, das erstaunlich gut vorhersagt, welche Seiten häufig gecrawlt werden und welche ranken. Dieser Leitfaden erklärt die Mechanik dahinter und wie du sie intern gezielt steuerst.

1. Was ist Linkjuice?

Jeder Link ist eine Empfehlung. Wenn Seite A auf Seite B verlinkt, überträgt A einen Teil ihrer eigenen Bewertung auf B. Übertragen werden dabei nicht nur „Autorität", sondern mehrere Signale gleichzeitig:

  • Autoritätssignal: der PageRank-artige Anteil, den die verlinkende Seite abgibt.
  • Relevanzsignal: Ankertext und umgebender Text sagen etwas über das Thema des Ziels.
  • Auffindbarkeitssignal: Der Link macht die Ziel-URL bekannt und erhöht ihre Crawl-Priorität.
  • Kontextsignal: Die Position im Dokument – ein Link im Haupttext wirkt anders als einer im Footer.

„Linkjuice" beschreibt also die Summe dieser Effekte. Der Begriff ist unscharf, aber nützlich, solange man sich klarmacht, dass keine einzelne Zahl dahintersteht.

2. Der Ursprung: PageRank und der Dämpfungsfaktor

Das Modell stammt aus dem PageRank-Algorithmus, mit dem Google 1998 startete. Vereinfacht dargestellt:

PR(A) = (1 - d) + d * ( PR(T1)/C(T1) + PR(T2)/C(T2) + ... + PR(Tn)/C(Tn) )

PR(A)  = PageRank der Seite A
T1..Tn = Seiten, die auf A verlinken
C(Ti)  = Anzahl der ausgehenden Links auf Seite Ti
d      = Daempfungsfaktor, im Originalpapier 0,85

Zwei Aussagen stecken darin, die bis heute gelten:

  1. Der Wert wird geteilt. Eine Seite gibt ihre Bewertung an alle ausgehenden Links weiter, nicht an jeden einzelnen vollständig. Zehn Links bedeuten pro Link ein Zehntel.
  2. Bei jedem Schritt geht etwas verloren. Der Dämpfungsfaktor sorgt dafür, dass Autorität mit jedem Hop abnimmt. Deshalb wirkt ein Link von der Startseite stärker als einer aus der fünften Klickebene.

Zum Stand heute: Der öffentlich sichtbare Toolbar-PageRank wurde 2013 nicht mehr aktualisiert und 2016 abgeschaltet. Google hat allerdings mehrfach bestätigt, dass PageRank als internes Signal weiterhin Teil der Ranking-Systeme ist – nur eben eines von vielen und in deutlich weiterentwickelter Form. Alle Zahlen von Drittanbietern (Domain Rating, Domain Authority) sind Nachbildungen, keine Google-Werte.

3. Wovon die Weitergabe abhängt

Nicht jeder Link überträgt gleich viel. Die wichtigsten Faktoren, sortiert nach praktischer Wirkung:

Faktor Wirkung
Autorität der verlinkenden Seite Je stärker die Quelle, desto mehr wird weitergegeben
Anzahl ausgehender Links Teiler in der Formel – 200 Links verwässern jeden einzelnen
Thematische Nähe Relevante Quellen wirken stärker als themenfremde
Position im Dokument Links im Hauptinhalt werden höher gewichtet als Footer- oder Sidebar-Links
Ankertext Überträgt das Relevanzsignal an das Ziel
rel-Attribute nofollow, sponsored, ugc reduzieren oder unterbinden die Weitergabe
Indexierbarkeit der Quelle Eine dauerhaft auf noindex gesetzte Seite verliert mit der Zeit ihre Weitergabefunktion
Crawlbarkeit der Quelle Was Google nicht crawlen darf, kann keine Signale weitergeben

4. Rechenbeispiel: Verteilung über die Navigation

Angenommen, deine Startseite hat einen relativen Wert von 100 Einheiten. Zwei Architekturen im Vergleich:

Szenario Links auf der Startseite Anteil pro Link Wirkung
Mega-Menü mit allem 250 0,34 Einheiten Alles gleich schwach, keine Priorisierung erkennbar
Fokussierte Navigation 40 2,1 Einheiten Wichtige Kategorien erhalten das Sechsfache

Über zwei Ebenen fortgesetzt wird der Unterschied deutlich: Mit Dämpfungsfaktor 0,85 kommen bei einer Kategorieseite mit 50 ausgehenden Links im zweiten Fall noch etwa 0,036 Einheiten pro Produkt an, im ersten Fall 0,006. Das ist der Grund, warum flache Architekturen mit klarer Priorisierung funktionieren – nicht weil „flach" ein Selbstzweck wäre, sondern weil jede Ebene den Wert teilt.

Nicht überinterpretieren: Diese Rechnung ist ein Denkmodell, keine Simulation von Googles Systemen. Sie taugt dazu, Architekturentscheidungen zu begründen – nicht dazu, Rankings vorherzusagen.

5. Wo Link Equity verloren geht

  • Links, die keine Links sind: <span onclick="...">, <button> oder ein <a> ohne href übertragen nichts. Google braucht ein <a href> mit auflösbarer URL – Details im Leitfaden Rendering.
  • Gesperrte Ziele: Zeigt ein Link auf eine per robots.txt gesperrte URL, kann Google die Signale nicht weiterverarbeiten. Der Anteil verfällt.
  • 404-Ziele: Links auf nicht existierende Seiten sind vollständig verlorene Equity – besonders schmerzhaft bei externen Backlinks auf gelöschte URLs.
  • Weiterleitungsketten: Jeder Hop verzögert die Konsolidierung und kostet Crawl-Budget.
  • Dauerhaftes noindex: Google behandelt Seiten, die langfristig auf noindex stehen, faktisch wie nofollow. Eine noindex-Seite als Verteiler-Hub zu nutzen, funktioniert nicht.
  • Nicht kanonische Varianten: Externe Links auf ?utm_source=-Varianten werden erst nach der Konsolidierung wirksam. Siehe Duplicate Content.

6. nofollow, sponsored und ugc im Vergleich

Seit März 2020 behandelt Google alle drei Attribute als Hinweise, nicht als strikte Anweisungen. Google kann sie also für Crawling und Ranking berücksichtigen oder ignorieren:

Attribut Gedacht für Gibt Equity weiter?
rel="nofollow" Links, für die du nicht bürgen willst In der Regel nicht
rel="sponsored" Bezahlte Links, Werbung, Affiliate Nein – und Pflicht zur Kennzeichnung
rel="ugc" Nutzergenerierte Inhalte, Kommentare, Foren In der Regel nicht
ohne rel-Attribut redaktionelle Empfehlungen Ja
<!-- Bezahlte Platzierung: sponsored ist Pflicht -->
<a href="https://partner.example.com" rel="sponsored">Partnerangebot</a>

<!-- Nutzerkommentar -->
<a href="https://example.org" rel="ugc nofollow">Quelle aus dem Kommentar</a>

<!-- Redaktionelle Empfehlung: kein rel-Attribut -->
<a href="/de/wiki/link-analysis">Leitfaden zur Linkanalyse</a>

7. Warum PageRank-Sculpting nicht mehr funktioniert

Die Idee war naheliegend: Unwichtige interne Links mit nofollow versehen, damit mehr Equity auf die wichtigen Seiten fließt. Google hat das 2009 abgestellt. Seitdem gilt: Der Anteil eines nofollow-Links wird nicht auf die übrigen Links umverteilt, sondern verfällt.

Konkret: Hat eine Seite zehn Links und du setzt fünf auf nofollow, erhalten die restlichen fünf weiterhin je ein Zehntel – nicht ein Fünftel. Du hast die Hälfte deiner internen Equity vernichtet.

Die funktionierende Alternative: Den Link entfernen, statt ihn auf nofollow zu setzen. Wenn eine Seite nicht wichtig genug für einen internen Link ist, gehört sie nicht in die Navigation. Für Seiten, die Nutzer brauchen und Suchmaschinen nicht (Login, Warenkorb, AGB im Footer), ist der Aufwand die Diskussion nicht wert – ein paar Links kosten messbar nichts.

8. Weiterleitungen: was wirklich passiert

Ein alter Merksatz behauptet, ein 301 koste 15 % der Link Equity. Das ist überholt. Google hat mehrfach klargestellt, dass Weiterleitungen keinen PageRank-Verlust verursachen – vorausgesetzt, sie sind sauber implementiert:

Fall Konsolidierung Anmerkung
301 / 308 auf relevantes Ziel Vollständig Der Standardfall, kein Verlust
302 / 307 Erfolgt, aber verzögert Google crawlt die Quell-URL dauerhaft weiter
Kette über mehrere Hops Erfolgt, aber langsamer Google folgt pro Crawl nur einer begrenzten Zahl von Hops
Weiterleitung auf thematisch fremdes Ziel Kaum Wird wie ein Soft 404 behandelt
Sammelweiterleitung auf die Startseite Praktisch keine Häufigster Fehler bei Relaunches

Die Konsequenz für Relaunches: Jede alte URL braucht ein inhaltlich entsprechendes Ziel. Eine Massenweiterleitung aller alten URLs auf / wirft die gesammelte Link Equity weg.

9. Interne Steuerung in der Praxis

Interne Links sind der einzige Teil der Gleichung, den du vollständig kontrollierst. Fünf Hebel, nach Wirkung sortiert:

  1. Klicktiefe reduzieren: Jede Ebene teilt und dämpft. Wichtige Seiten sollten in maximal drei Klicks von der Startseite erreichbar sein.
  2. Hub-Seiten bauen: Eine thematische Übersichtsseite, die alle Detailseiten eines Themas verlinkt und selbst gut verlinkt ist, verteilt Equity gezielt innerhalb eines Clusters.
  3. Aus dem Haupttext verlinken: Kontextlinks im Fließtext werden stärker gewichtet als Links in wiederkehrenden Modulen. Genau deshalb sind Wiki- und Glossarstrukturen so wirksam.
  4. Verwaiste Seiten anbinden: Eine URL ohne internen Link erhält keine Equity, egal wie gut sie ist.
  5. Footer-Links nicht überladen: Sie zählen, aber schwächer – und sie erhöhen den Teiler auf jeder Seite der Website.

Zur Zahl der Links pro Seite: Die alte Empfehlung von maximal 100 Links pro Seite hat Google längst aus den Richtlinien entfernt. Es gibt kein hartes Limit. Der Effekt bleibt aber mathematisch bestehen: Mehr Links bedeuten weniger pro Link. Nicht „100" ist die Grenze, sondern „so viele, wie die Seite inhaltlich rechtfertigt".

10. Ankertext: das Relevanzsignal

Der Ankertext sagt Google, worum es auf der Zielseite geht. Praktische Regeln:

  • Beschreibend statt generisch: „Leitfaden zum Crawl-Budget" statt „hier klicken".
  • Variieren: Immer derselbe exakte Ankertext auf dieselbe URL wirkt gerade bei externen Links unnatürlich.
  • Nicht überoptimieren: Interne Links mit gestapelten Keywords („günstige rote Damenschuhe kaufen billig") sind ein klassisches Spam-Muster.
  • Bilder brauchen Alt-Text: Bei verlinkten Bildern übernimmt das alt-Attribut die Rolle des Ankertexts. Siehe Bild-SEO.

Ein häufig beobachtetes, von Google nie offiziell bestätigtes Verhalten: Zeigen zwei Links auf derselben Seite auf dasselbe Ziel, wird vor allem der Ankertext des ersten Links gewertet. Als Arbeitsannahme brauchbar – als Grundlage für aufwendige Umbauten nicht.

11. Externe Link Equity bewerten

Bei eingehenden Links entscheidet Qualität deutlich stärker als Menge. Prüfe:

  • Thematische Nähe der verlinkenden Domain zu deinem Thema.
  • Redaktioneller Charakter: Wurde der Link freiwillig gesetzt oder gekauft beziehungsweise getauscht?
  • Position: Haupttext, Autorenbox oder Footer-Linkliste?
  • Sichtbarkeit für Nutzer: Wird der Link tatsächlich angeklickt?
  • Vielfalt der Quellen: 50 Links von 50 Domains wirken anders als 500 Links von einer Domain. Diese Unterscheidung beschreibt der Leitfaden zur Domainpopularität.

12. Was du messen kannst – und was nicht

Es gibt keine Google-Metrik für Link Equity. Was zur Verfügung steht:

Signal Quelle Aussagekraft
Interne Links pro URL Search Console, Bericht „Links" Hoch – zeigt deine eigene Priorisierung
Verweisende Domains Search Console, Backlink-Tools Hoch
Crawl-Frequenz einer URL Server-Logfiles Guter Näherungswert für wahrgenommene Wichtigkeit
Klicktiefe eigener Crawl Hoch und direkt beeinflussbar
Domain Rating / Authority Drittanbieter Nur relativ, kein Google-Signal

13. Checkliste für interne Link Equity

  1. Klicktiefe aller Umsatz- oder Traffic-relevanten Seiten messen. Ziel: maximal drei Klicks.
  2. Verwaiste Seiten identifizieren und anbinden oder entfernen.
  3. Interne Links auf 404-Ziele beheben.
  4. Weiterleitungsketten in internen Links auflösen und direkt auf das Endziel verlinken.
  5. Interne nofollow-Attribute prüfen und in der Regel entfernen.
  6. Interne Links auf gesperrte oder noindex-URLs reduzieren.
  7. Generische Ankertexte („mehr", „hier") durch beschreibende ersetzen.
  8. Anzahl der Navigations- und Footer-Links kritisch prüfen.
  9. Hub-Seiten für die wichtigsten Themencluster anlegen.
  10. Externe Backlinks auf 404-URLs suchen und weiterleiten – die schnellste Rückgewinnung verlorener Equity.
  11. Bei Relaunches jede alte URL einzeln zuordnen, keine Sammelweiterleitung.
  12. Bezahlte und nutzergenerierte Links korrekt mit sponsored bzw. ugc kennzeichnen.

Profi-Tipp: Rank-O-Saur listet alle Links einer Seite mit Ankertext, rel-Attributen und Statuscode. So siehst du sofort, wie viele ausgehende Links eine Seite hat, welche davon auf Weiterleitungen oder Fehlerseiten zeigen und wo nofollow intern eingesetzt wird.

14. Häufig gestellte Fragen

Ist Linkjuice ein offizieller Google-Begriff?

Nein. Linkjuice und Link Equity sind Begriffe aus der SEO-Praxis, die das Modell der Signalweitergabe über Links beschreiben. Google veröffentlicht dafür keinen Wert. Das zugrundeliegende PageRank-Prinzip ist aber real und laut Google weiterhin Teil der Ranking-Systeme.

Verliert eine 301-Weiterleitung 15 Prozent Linkkraft?

Nein, das ist ein überholter Merksatz. Google hat mehrfach klargestellt, dass saubere Weiterleitungen keinen PageRank-Verlust verursachen. Verluste entstehen durch andere Fehler: lange Ketten, 302 statt 301 oder Weiterleitungen auf thematisch unpassende Ziele.

Kann ich mit nofollow intern Linkkraft umlenken?

Nein. Google hat dieses PageRank-Sculpting 2009 abgestellt. Der Anteil eines nofollow-Links wird nicht auf die anderen Links umverteilt, sondern verfällt. Wenn ein interner Link keinen Wert hat, entferne ihn, statt ihn auf nofollow zu setzen.

Wie viele Links darf eine Seite haben?

Es gibt kein festes Limit mehr; die alte Empfehlung von 100 Links hat Google aus den Richtlinien entfernt. Mathematisch gilt aber weiter: Je mehr Links, desto weniger Anteil pro Link. Orientiere dich daran, wie viele Links der Inhalt tatsächlich rechtfertigt.

Geben Links von noindex-Seiten Equity weiter?

Kurzfristig ja, langfristig nicht. Google behandelt Seiten, die dauerhaft auf noindex stehen, faktisch wie nofollow. Eine noindex-Seite ist deshalb kein geeigneter Verteiler-Hub für interne Verlinkung.

Zählen Links, die per JavaScript erzeugt werden?

Ja, sofern nach dem Rendering ein echtes a-Element mit href-Attribut im DOM steht. Nicht gezählt werden Klick-Handler auf span- oder button-Elementen und a-Elemente ohne href, weil Google daraus keine URL ableiten kann.

Sind Footer-Links wertlos?

Nicht wertlos, aber schwächer gewichtet als Links im Hauptinhalt. Zu beachten ist vor allem, dass Footer-Links auf jeder Seite der Website erscheinen und damit überall den Teiler erhöhen. Wenige, gezielte Footer-Links sind besser als lange Linklisten.

Was ist der schnellste Weg, verlorene Link Equity zurückzuholen?

Externe Backlinks suchen, die auf 404-URLs deiner Domain zeigen, und diese URLs auf das inhaltlich passende Ziel weiterleiten. Das ist meist der wirksamste Einzelschritt, weil die Links bereits existieren und nur ins Leere laufen.

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Christoph Hein, Head of SEO und Search Consultant
Über den Autor

Christoph Hein

Head of SEO bei der Popken Fashion Group & unabhängiger Search Consultant

Christoph ist seit über 10 Jahren im Bereich Search tätig und steuert derzeit die Organic-Strategie für 5 Modemarken in 13 Ländern und mehr als 30 Domains. Neben seiner Inhouse- und Beratungsarbeit hat er Nischen-Content-Portale wie Angelmagazin.de und BaristaCompass.com gegründet und die Rank-O-Saur-Erweiterung entwickelt, um technische SEO-Audits mühelos zu machen. Jeder Leitfaden hier basiert auf praxisnaher, datengetriebener Arbeit statt auf Theorie.