Ankertext: das präziseste Relevanzsignal

Der Ankertext ist der klickbare Text eines Links. Er ist das einzige Signal, mit dem eine Seite in eigenen Worten beschreibt, worum es auf einer anderen Seite geht – und damit das präziseste Relevanzsignal, das es im Web gibt. Genau deshalb wurde es jahrelang missbraucht und genau deshalb ist die Grenze zwischen Optimierung und Überoptimierung hier so schmal.

1. Was ist Ankertext?

Im HTML ist der Ankertext alles zwischen öffnendem und schließendem <a>-Tag:

<a href="/de/wiki/crawl-budget">Leitfaden zum Crawl-Budget</a>
         └────── Ziel ───────┘  └────── Ankertext ───────┘

Suchmaschinen nutzen ihn auf zwei Wegen: Sie ordnen die Beschreibung der Zielseite zu, und sie leiten daraus ab, wie andere über diese Seite sprechen. Der zweite Punkt ist der wichtigere – die Beschreibung kommt von außen und ist damit schwerer zu manipulieren als jede Selbstauskunft im Title Tag.

Historische Randnotiz: Die Wirkung war so stark, dass sich damit früher „Googlebombs" bauen ließen – Seiten rankten für Begriffe, die auf ihnen gar nicht vorkamen, nur weil viele Links sie so bezeichneten. Google hat das 2007 algorithmisch entschärft, aber das Grundprinzip bleibt: Ankertext beschreibt das Ziel.

2. Die sechs Ankertext-Typen

Typ Beispiel Relevanzsignal Risiko bei externen Links
Exact Match „Crawl-Budget optimieren" Sehr stark Hoch bei Häufung
Partial Match „Leitfaden zum Crawl-Budget" Stark Gering
Marke „Rank-O-Saur" Mittel Keines
Marke + Keyword „Rank-O-Saur Crawl-Budget-Guide" Stark Keines
Generisch „hier", „mehr erfahren", „diese Seite" Keines Keines
Nackte URL https://rankosaur.com/de/wiki/ Schwach Keines

Ein siebter Fall ist das verlinkte Bild. Dort gibt es keinen Text, deshalb übernimmt das alt-Attribut die Rolle des Ankertexts – siehe Abschnitt 7.

3. Warum Ankertext so stark wirkt

Drei Eigenschaften machen das Signal robust:

  1. Es ist eine Fremdaussage. Alles, was du über deine Seite selbst schreibst, ist Eigenwerbung. Was andere über sie schreiben, ist Evidenz.
  2. Es ist explizit. Anders als bei Ranking-Signalen, die Google aus Text ableiten muss, ist die Zuordnung hier eindeutig: dieser Text beschreibt diese URL.
  3. Es ist kumulativ. Tausend Links mit ähnlicher Beschreibung ergeben ein sehr konsistentes Bild.

Deshalb kann eine Seite für Begriffe ranken, die auf ihr selbst nicht vorkommen – und deshalb ist Ankertext bei internen Links das wirksamste Mittel, um Google zu sagen, für welches Thema eine Seite zuständig ist.

4. Gesunde Verteilung bei externen Links

Ein organisch gewachsenes Linkprofil hat ein charakteristisches Muster: Der größte Teil der Ankertexte ist langweilig. Menschen verlinken mit dem Markennamen, mit der URL oder mit „hier".

Typ Typischer Anteil organisch Warnsignal ab
Marke und Marke + Keyword 40–60 %
Generisch und nackte URL 20–35 %
Partial Match 10–25 % über 40 %
Exact Match 1–5 % über 10 %

Diese Zahlen sind Erfahrungswerte, keine Google-Grenzwerte. Google veröffentlicht keine Schwellen. Nutze sie als Diagnosehilfe: Ein Profil mit 60 % Exact-Match-Ankern ist erkennbar aufgebaut, unabhängig davon, wo genau die algorithmische Grenze liegt.

Wichtig ist außerdem: Du kontrollierst externe Ankertexte nur eingeschränkt. Wenn du sie kontrollierst – etwa in Gastbeiträgen oder Pressetexten – ist genau das der Punkt, an dem Überoptimierung entsteht. Die praktische Regel: Wo du den Ankertext selbst bestimmst, wähle die unauffälligere Variante.

5. Interne Ankertexte: andere Regeln

Intern gilt fast das Gegenteil, und das ist der am häufigsten übersehene Punkt des Themas:

  • Beschreibend ist Pflicht. Interne Links sind deine eigene Aussage über deine eigene Struktur. „Hier klicken" verschenkt das Signal vollständig.
  • Konsistenz ist erwünscht. Wenn 30 Artikel mit dem Ankertext „Crawl-Budget" auf dieselbe Seite verlinken, ist das kein Spam-Muster, sondern eine klare Zuständigkeitszuweisung.
  • Ein Begriff, ein Ziel. Verlinke denselben Ankertext nicht auf zwei verschiedene Seiten – das ist die Bauanleitung für Keyword-Kannibalisierung.
  • Keine Keyword-Stapel. „günstige rote Damenschuhe kaufen billig" ist auch intern ein Spam-Signal.
  • Natürlich im Satz. Der Ankertext sollte Teil eines lesbaren Satzes sein, nicht ein eingeschobener Begriff.
<!-- Gut: beschreibend, im Satzfluss, eindeutiges Ziel -->
Wie du verschwendete Abrufe findest, steht im
<a href="/de/wiki/crawl-budget">Leitfaden zum Crawl-Budget</a>.

<!-- Schlecht: generisch, Signal verschenkt -->
Mehr zum Thema Crawl-Budget findest du
<a href="/de/wiki/crawl-budget">hier</a>.

<!-- Schlecht: Keyword-Stapel -->
<a href="/de/wiki/crawl-budget">Crawl Budget optimieren Crawl Budget
Google Crawl Budget verbessern</a>

6. Umgebender Text und Linkkontext

Der Ankertext steht nicht allein. Suchmaschinen bewerten auch, was um den Link herum steht – in der Forschung als „anchor context" beschrieben. Praktisch bedeutet das:

  • Der Satz zählt mit. Ein Link mit dem Ankertext „hier" in einem Satz über Crawl-Budget ist nicht wertlos, nur schwächer.
  • Die Überschrift zählt mit. Ein Link unter einer <h2> zum passenden Thema erhält Kontext aus der Überschriftenstruktur.
  • Nähe schlägt Wiederholung. Ein Link im ersten Drittel eines Textes, umgeben von thematisch passendem Inhalt, wirkt stärker als drei Links im Footer.

Daraus folgt eine nützliche Arbeitsregel: Wenn du den Ankertext aus stilistischen Gründen generisch halten musst, sorge dafür, dass der Satz um den Link das Thema klar benennt.

Bei verlinkten Bildern gibt es keinen Text, den Google lesen könnte. Das alt-Attribut übernimmt dann die Funktion des Ankertexts:

<!-- alt-Text beschreibt das Linkziel, nicht nur das Bild -->
<a href="/de/wiki/core-web-vitals">
  <img src="/bilder/cwv-diagramm.webp"
       alt="Core Web Vitals: LCP, INP und CLS im Überblick"
       width="640" height="360">
</a>

<!-- Fehler: leeres alt bei einem verlinkten Bild -->
<a href="/de/wiki/core-web-vitals">
  <img src="/bilder/cwv-diagramm.webp" alt="">
</a>

Ein leeres alt ist bei rein dekorativen Bildern korrekt – bei einem verlinkten Bild ist es ein Fehler, weil dann weder Suchmaschinen noch Screenreader das Ziel benennen können. Details im Leitfaden zu Bild-SEO.

Enthält ein Link sowohl Text als auch ein Bild, wertet Google den Text; das alt ist dann ergänzend.

8. Überoptimierung erkennen

Fünf Muster, die zusammen ein aufgebautes Profil verraten:

  1. Ein Ankertext dominiert. Wenn ein einzelner Exact-Match-Anker über 10 % aller externen Anker ausmacht, ist das auffällig.
  2. Zu wenig Marke. Ein Profil ohne Markenanker ist praktisch nicht organisch entstanden – echte Menschen nennen den Namen.
  3. Identische Anker über viele Domains. Zwanzig Domains, die alle exakt dieselbe Wortfolge verwenden, hatten dieselbe Vorlage.
  4. Anker passt nicht zur Seite. Anker mit kommerzieller Absicht auf einem Informationsartikel deuten auf eine gekaufte Platzierung.
  5. Zeitliche Häufung. Dreißig gleichartige Anker innerhalb einer Woche.

Zur Einordnung: Die übliche Reaktion ist eine Entwertung der betroffenen Links, nicht eine Abstrafung der Website. Erkennbar ist das daran, dass zugekaufte Links keinerlei Wirkung zeigen. Eine manuelle Maßnahme wäre in der Search Console sichtbar.

9. Häufige Fehler

  1. „Hier klicken" in wichtigen internen Links. Der häufigste Fehler überhaupt und der am leichtesten zu behebende.
  2. Derselbe Ankertext auf verschiedene Ziele. Erzeugt Kannibalisierung zwischen eigenen Seiten.
  3. Ankertext gleich Title Tag gleich H1. Wirkt maschinell erzeugt. Variation ist natürlicher und deckt mehr Formulierungen ab.
  4. Ganze Sätze als Anker. Verwässert das Signal; drei bis sechs Wörter sind eine gute Spanne.
  5. Leeres alt bei verlinkten Bildern. Siehe Abschnitt 7.
  6. Automatisierte Keyword-Verlinkung. Plugins, die jedes Vorkommen eines Begriffs verlinken, erzeugen hunderte identische Anker und unlesbare Texte.
  7. Anker in Sprachversionen wörtlich übersetzt. Nutze die Begriffe, die im Zielmarkt tatsächlich gesucht werden – siehe Sprache & Hreflang.

10. Ankertexte analysieren

  • Extern: Backlink-Tools bieten Ankertext-Berichte. Gruppiere nach den sechs Typen aus Abschnitt 2 und berechne die prozentuale Verteilung.
  • Intern: Ein eigener Crawl liefert alle internen Links mit Ankertext. Zwei Auswertungen lohnen sich: identische Anker auf verschiedene Ziele, und wichtige Seiten mit überwiegend generischen Ankern.
  • Search Console: Der Bericht „Links" listet unter „Haupttext für Links" die häufigsten externen Ankertexte – echte Google-Daten, wenn auch gekürzt.
  • Stichprobe im Browser: Für einzelne Seiten schneller als jeder Export.

11. Checkliste

  1. Alle internen Links mit generischen Ankern auf wichtigen Seiten identifizieren.
  2. Generische Anker durch beschreibende ersetzen (drei bis sechs Wörter).
  3. Prüfen, ob ein Ankertext auf mehrere Ziele verweist – und auflösen.
  4. Pro Zielseite einen primären internen Ankertext festlegen.
  5. Verlinkte Bilder auf leeres alt prüfen.
  6. Externe Ankertexte nach Typ gruppieren und Verteilung berechnen.
  7. Exact-Match-Anteil bestimmen; über 10 % genauer ansehen.
  8. Markenanker-Anteil bestimmen; unter 30 % genauer ansehen.
  9. Automatisierte Verlinkungs-Plugins auf Anker-Wiederholungen prüfen.
  10. Bei selbst kontrollierten Platzierungen die unauffälligere Variante wählen.
  11. Ankertexte in Sprachversionen gegen echte lokale Suchbegriffe prüfen.

Profi-Tipp: Rank-O-Saur listet für jede Seite alle Links mit ihrem Ankertext und den rel-Attributen. Damit findest du „hier klicken"-Links und leere alt-Attribute bei verlinkten Bildern in Sekunden – ohne Crawl-Export.

12. Häufig gestellte Fragen

Wie lang sollte ein Ankertext sein?

Drei bis sechs Wörter sind eine gute Spanne. Ein einzelnes Wort trägt oft zu wenig Kontext, ein ganzer Satz verwässert das Signal. Entscheidend ist, dass der Anker sich natürlich in den Satz einfügt.

Sind Exact-Match-Ankertexte gefährlich?

Intern nicht, dort sind sie sogar sinnvoll. Bei externen Links wird eine Häufung problematisch: Wenn ein einzelner Exact-Match-Anker mehr als etwa 10 Prozent des externen Profils ausmacht, ist das ein auffälliges Muster. Ein offizieller Grenzwert existiert nicht.

Was passiert bei Ankertext-Überoptimierung?

In der Regel werden die betroffenen Links entwertet, nicht die Website abgestraft. Erkennbar daran, dass aufgebaute Links keine Wirkung zeigen. Eine manuelle Maßnahme wegen unnatürlicher Links wäre in der Search Console sichtbar.

Darf ich intern immer denselben Ankertext verwenden?

Ja, solange er auf dieselbe Zielseite zeigt. Konsistente interne Anker sind eine klare Zuständigkeitszuweisung und kein Spam-Muster. Problematisch ist nur der umgekehrte Fall: derselbe Anker auf verschiedene Ziele.

Welchen Ankertext hat ein verlinktes Bild?

Das alt-Attribut übernimmt die Rolle des Ankertexts. Beschreibe darin das Linkziel, nicht nur den Bildinhalt. Ein leeres alt ist bei dekorativen Bildern richtig, bei einem verlinkten Bild aber ein Fehler – auch für Screenreader.

Zählt bei zwei Links auf dasselbe Ziel beide Ankertexte?

Vermutlich wird vor allem der erste gewertet. Das ist ein häufig beobachtetes, von Google nie offiziell bestätigtes Verhalten. Als Arbeitsannahme brauchbar: Setze den aussagekräftigen Anker an die erste Stelle.

Soll ich Ankertexte für andere Sprachen übersetzen?

Nicht wörtlich. Verwende die Begriffe, die im Zielmarkt tatsächlich gesucht werden. Eine wörtliche Übersetzung trifft häufig nicht den etablierten Fachbegriff und verschenkt damit das Relevanzsignal.

Wirkt sich der Ankertext auf die Barrierefreiheit aus?

Ja, erheblich. Screenreader können Links einer Seite als Liste ausgeben. Eine Liste aus zwanzig Einträgen „hier" ist unbrauchbar. Beschreibende Ankertexte sind deshalb gleichzeitig SEO- und Barrierefreiheitsmaßnahme.

Weiterlesen

Christoph Hein, Head of SEO und Search Consultant
Über den Autor

Christoph Hein

Head of SEO bei der Popken Fashion Group & unabhängiger Search Consultant

Christoph ist seit über 10 Jahren im Bereich Search tätig und steuert derzeit die Organic-Strategie für 5 Modemarken in 13 Ländern und mehr als 30 Domains. Neben seiner Inhouse- und Beratungsarbeit hat er Nischen-Content-Portale wie Angelmagazin.de und BaristaCompass.com gegründet und die Rank-O-Saur-Erweiterung entwickelt, um technische SEO-Audits mühelos zu machen. Jeder Leitfaden hier basiert auf praxisnaher, datengetriebener Arbeit statt auf Theorie.